Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

„wer ist die Krone der Schöpfung?“, wurde ich gefragt. Ohne viel nachzudenken, hätte ich beinahe gesagt: „Der Mensch!“ Zum Glück habe ich noch einmal im Buch der Bücher nachgeblättert. Da steht es in der ersten Schöpfungserzählung anders: der Schabbat, oder wie wir eingedeutscht sagen: der Sabbat, der siebte Tag, an dem Gott ruht und den Menschen auffordert, es ebenso zu halten (Gen 2, 1-3).

Vielleicht kommen manche Fehler im Umgang mit der Schöpfung daher, dass wir Menschen uns auf überhebliche Weise für die Krone der Schöpfung gehalten und außerdem Gott, den Schöpfer, aus dessen liebenden Händen alles kommt, vergessen haben. Das Wort „Sabbat“ bedeutet loslassen, alles, was wir gebrauchen, aus den Händen legen, ihm und uns Ruhe gönnen und ins Staunen kommen über das, was da ist.

In diesem Monat feiern wir den Erntedank. Aber eigentlich könnte jeder „Sabbat“, für uns Christen jeder Sonntag, solch ein Tag des Loslassens und des staunenden Dankens sein.

Die Schöpfung wird vollendet, wenn wir die Dinge, die wir haben, aus den Händen legen, sie in Ruhe anschauen und sehen: wie vieles ist für uns da, wie viel dürfen wir genießen von den Früchten der Erde und von der Arbeit unserer Mitmenschen. Loslassen heißt aber auch erkennen: Ich muss nicht immer mehr haben. Unser Tisch ist schon reich gedeckt. Ich kann abgeben.

Der israelische Dichter Mario Mordechai hat in einem Gebet beschrieben, welche Kraft dieses heilsame Loslassen am siebten Tag hat:

Herrscher aller Welten,
du schufst den Himmel und die Erde in sechs Tagen,
und am siebenten - es stimmt nicht, wie es heißt:
„ruhte er von seinem Werk".
Denn am siebenten weitest du mein Herz und machst es groß.
Denn an jedem siebenten Tag füllt sich mein Herz mit Licht
und kehrt das Meer in meinem Herzen an seinen Ort zurück,
und an seinem oberen Rand ist die Himmelsfeste befestigt

und seine Sterne verströmen Glanz
und das Festland wird sichtbar,

und mein Herz tritt als lebendiges Wesen hervor.
Friede sei mit euch, Engel des Schabbat,
es ist Zeit, dass ihr kommt;
schön ist das Haus und alles darin hergerichtet.

Mein Engel wacht darüber,
das ist mein Herz,

das Ende von Finsternis und Chaos singend,
damit Liebe sei in seinen Mauern.
Der Sonntag, ein Tag, an dem das Herz weit wird,

sich vieles wieder ordnet, klärt und zur Ruhe kommt – nur ein frommer Wunsch?

Gemeinsam mit den Mitarbeitern grüßt Sie

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle