Gedanken zum Monat
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,
Papst Franziskus zitiert in seiner Autobiografie (2025) eine Kurzgeschichte des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges. Sie nimmt Bezug auf den ersten Brudermord, den die Bibel erzählt (Gen 4):
Abel und Kain begegneten sich nach Abels Tod. Sie wanderten durch die Wüste und erkannten einander schon von Weitem, weil sie beide sehr groß waren. Die Brüder setzten sich auf die Erde, machten ein Feuer und aßen. Sie schwiegen, wie es die tun, die am Ende des Tages müde sind. Ein Stern erschien am Himmel, dessen Namen niemand kannte. Im Schein der Flamme bemerkte Kain das Mal eines Steins, das in Abels Stirn eingedrückt war, und das Brot, das er an die Lippen geführt hatte, fiel ihm zu Boden, bevor er es essen konnte. Da fragte er, ob ihm seine Schuld vergeben sei. Abel antwortete: „Hast du mich getötet oder habe ich dich getötet? Ich kann mich schon nicht mehr erinnern, und hier sind wir wieder zusammen wie früher.“ „Jetzt weiß ich, dass du mir vergeben hast“, sagte Kain, „denn Vergessen heißt Vergeben. Auch ich werde versuchen zu vergessen.“ Abel erwiderte leise: „Das stimmt. Solange die Reue anhält, hält auch die Schuld an.“
Darin steckt die göttliche Weise zu vergeben, wie sie uns im Bußsakrament zugesprochen wird: Wir dürfen neu anfangen. Es ist vergeben und vergessen. Eine gute Übung für die Fastenzeit: Alles, was mich kränkt und mein Herz hart machen will, loslassen.
Eigenartig ist die Stelle in der Autobiografie, wo Borges‘ Legende zitiert wird. Der Papst erzählt von tragischen Erinnerungen: von zwei jungen Menschen, die getötet und dadurch viel Leid bereitet haben. Warum? Wie konnte das geschehen?, fragen wir. „Manchmal ist, wie der Psalm (64,7) sagt, das Herz des Menschen ein Abgrund.“ Abgründig sind die sinnlosen Kriege unserer Tage, die Egoismen in den Nationen, Gruppen und vereinzelten Menschen. „Hoffe“ lautet der Titel von Franziskus‘ Autobiografie. Sie ruft dazu auf, sich auszustrecken nach Gott, in dessen Liebe alle Menschen Platz finden können.
Im selben Kapitel erzählt Franziskus auch von einer etwas schrulligen, vereinsamten Tante. Seine Eltern nahmen sie in ihr Haus auf. Vermutlich war es nicht leicht. Die Menschen annehmen, wie sie sind, könnte eine zweite Übung heißen.
Wir freuen uns, wenn viele bei den „Exerzitien im Alltag“ mitmachen. „Wagemut“ brauchen wir alle.
Gemeinsam mit den Mitarbeitenden grüßt Sie und wünscht eine gesegnete Zeit
Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle