Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

„Weihnachten fällt dieses Jahr aus!“, rief mir unser Paketbote zu, der schon jetzt vom Gedanken an die vielen Sendungen, die er zu bringen hat, erschöpft ist. Nein – Weihnachten kann gar nicht ausfallen. Manches ist in diesem Jahr nicht möglich, was in unserer Gemeinde alljährlich stattfand - vielleicht zeigt uns die Pandemie auch, was wichtig ist und was nicht.

Ich erinnere mich an das, was mir meine Mutter und meine Großeltern erzählt haben, wie sie 1945 und 1946, gefangen in einem Lager, Weihnachten begangen haben. Nicht einmal den Gottesdienst konnten sie besuchen. Dennoch haben sie Weihnachten gefeiert, und wze sie es mir erzählten, spürte ich, dass es intensiver als sonst war. In einem Lied von Jochen Klepper heißt es: „Mein Gott, dein hohes Fest des Lichtes hat stets die Leidenden gemeint.“ Es ist das Fest, das Licht in unser Herz einströmen lassen will. Manchmal leben wir so, als ob wir dieses Licht gar nicht brauchen, als ob wir alles selber leisten und kaufen können. Dann kommen Zeiten, wo wir froh sind über ein vertrautes Gesicht, über ein Lächeln, einen unverhofften Besuch, über ein Wort, das uns aufrichtet – über Zeichen, die von Gott kommen.

Was wird das Corona-Virus mit uns machen? Wird es Angststörungen verursachen? Wird es zur Kontaktarmut fuhren? Macht es aggressiv und spaltet es die Gesellschaft? Vielleicht wird es Anlass, mehr als bisher unser Leben zu schätzen, die Wahrheit anzunehmen, dass alles ein unverdientes Geschenk ist: das Leben, die Gesundheit, die vielen Möglichkeiten und Angebote, die wir in unserem Land haben. Vielleicht erinnert es uns daran, dass nicht alles machbar ist, dass Ohnmacht, Ratlosigkeit und Leiden zu den Erfahrungen des Lebens dazugehören, dass wir kleine Menschen dieser Erde sind mit den 7,8 Milliarden anderen – nicht besser, nicht viel klüger als die Menschen vor uns. Aber zu diesen kleinen Menschen gesellt sich Gott und wird Mensch unter Menschen und zeigt uns einen Weg, was Menschsein heißt. „Nun ist die Welt nicht mehr so leer, die Last nicht mehr so drückend schwer; der Weg zum Vater steht uns offen.“ Vielleicht können Sie, wenn Sie dieses Weihnachten feiern, tiefer als sonst fragen: Was ist kostbar? Was brauchen wir – was nicht? Was ist Licht für uns? Ein Vorschlag: Halten Sie an den Adventstagen, bevor Sie zu Bett gehen, einen Rückblick: drei Dinge, für die ich heute Gott danken möchte! Drei Menschen, denen ich heute begegnet bin, denen ich Gottes Licht wünsche...

Wir laden in unserer Gemeinde zu einigen Zeichen ein, trotz Kontaktbeschränkungen miteinander unterwegs zu sein: Herbergssuche – eine Figur der heiligen Maria wandert von Wohnung zu Wohnung; „Weihnachten in der Tüte“, Roratemessen, Stemsingen... Das meiste aber wird von Mensch zu Mensch geschehen. Sie können mithelfen, unsere Gemeinde lebendig zu halten. Schenken Sie Menschen, die Sie lange nicht gesehen haben, von denen Sie ahnen, dass sie es brauchen könnten, kleine Zeichen der Verbundenheit – kleine Lichtblicke.

Eine gute Adventszeit, ein gesegnetes Geburtsfest des Herrn und Gottes Weggeleit im neuen Jahr wünscht Ihnen und allen, die zu Ihnen gehören, gemeinsam mit den Mitarbeitern

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle